11.09.2001
DER TEUFEL MITTEN IM GESCHEHEN DES ANSCHLAGES AUF DAS WORLD TRADE
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Der Teufel
Die unheimliche Weltmacht
Er ist so alt wie Gott. gilt als Meister der Verführung
und als Urheber alles bösen in der Welt. Seit Jahrtausenden wird er benutzt
als bequemes Alibi für Verleumdung, Verfolgung und Grausamkeit. Wer oder was
ist der Satan wirklich? Warum schaudert es uns noch immer bei seinem Namen?
Wovor haben wir Angst?

Sein jüngster großer Auftritt war in
New Yorkam 11.09.2001: Im Qualm der zusammenstürzenden Twin Towers zeigte
sich der Teufel mit schmalen, höhnischen Augen und grinsendem Mund, bevor
sich seine Fratze im beißenden Rauch auflöste. Garantiert nicht manipuliert
seien die Fotos des Fotografen Mark D. Phillips, hieß es bei Associated
Press, die den unheimlichen Spuk weltweit vermarktete. Ein zufällig
entstandenes Gebilde, flüchtig wie die Wolkenformationen am Himmel, mehr
nicht. Und doch wirkt die teuflische Fratze auch auf rationale Gemüter.
Rührt an scheinbar Vergessenes, tief in uns Schlummerndes. An ein Gemisch
aus Dunkelängsten und Märchenbildern, Kasperletheater und
Religionsunterricht. Und an ein Netz aus Erinnerungen, die weit über die
persönliche Biografie hinausgehen, sich in den Tiefen der Zeit verlieren.
Denn sein Hauptquartier hat der Teufel nicht in irdischen Tempeln wie dem
World Trade Center und auch nicht in den Kommandozentralen eines Osama bin
Laden – sondern in den Archiven des kollektiven Gedächtnisses. In den
Abgründen des menschlichen Bewusstseins.
Also auch in meinem? Einen Bericht über
den Teufel soll ich für P. M. schreiben. Interessantes Thema. Doch dann
packt mich Unbehagen. Fast sogar Grauen. Tief sitzt die Botschaft in der
Seele: Wer den Teufel ruft, lässt sich mit dunklen Mächten ein. Nachdem
Roman Polanski seinen Teufelsfilm »Rosemary’s Baby« abgedreht hatte,
richtete der Satan (alias Charles Manson und seine Gang) in seiner
Hollywood-Villa ein grauenvolles Gemetzel an. – Schon die Arbeitsunterlagen
auf meinem Schreibtisch sehen Furcht erregend aus: Bücher mit
höllenschwarzem Titel, satanische Fratzen. Als ich mich ans Schreiben mache,
bin ich allein zu Hause. Draußen senkt sich der Abend. Die Stille im Haus
wird bleischwer. Ein Gefühl von Unheimlichkeit kriecht in mir hoch.
Psychologen nennen es »das Ur-Grauen«. Ab sofort will ich an diesem Bericht
nur noch vormittags arbeiten. Der Teufel liebt die Nacht, aber hasst den
Morgen, steht in meinen Unterlagen.
Was weiß man noch über den Satan?
Geboren wurde er, so wie wir ihn (glauben zu) kennen, irgendwann in den
letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende. Und schon bei seiner Geburt war
er steinalt: das Produkt von Projektionen, Fantasien und Ängsten zahlloser
Menschengenerationen. Destilliert aus zeitlosen Archetypen und Mythen, zu
denen sich im Lauf der Jahrhunderte immer neue Vorstellungen gesellten. Wir
kennen den Teufel als engelschönen Luzifer, aber auch als Grauen erregenden,
Feuer und Gift spuckenden Satan, als betörende Frau, die dem keuschen
heiligen Antonius in der Wüste fast den Verstand raubt, und als
schwefelstinkenden Ziegenbock mit Riesenpenis und eiskaltem Sperma. Mal ist
er dummer Tölpel, der vom Kasper was über den Kopf kriegt, dann eleganter
Mephisto, der alle Geheimnisse der Erde und der menschlichen Psyche
durchschaut. In moderner Gestalt sieht er aus wie der aalglatte, kaltäugige
Al Pacino ( in seinem Film »Im Auftrag des Teufels«) oder wie der diabolisch
grinsende Jack Nicholson, der die Hexen von Eastwick verführt (im
gleichnamigen Kultfilm nach einem Roman von John Updike). Zur Zeit hat er,
je nach kultureller Zugehörigkeit, für die einen die Gestalt des George Bush
angenommen, für die anderen die spektakuläre Erscheinung des Osama bin
Laden.
Wer oder was aber ist der Teufel
wirklich? Gibt es ihn? Ist er, wie christliche und islamische
Fundamentalisten glauben, auf dem besten Wege, die Welt zu zersetzen –
mithilfe von Medien, Drogenkartellen, Heavy-Metal-Rhythmen und neuen
Satanskulten? Nimmt er, sobald wir nicht höllisch aufpassen, als unsichtbare
Dunkelmacht die Geschicke der Welt in seine Hand? Wer sich näher mit dem
Teufel einlässt, sieht sich bald mit einer diabolischen Grundeigenschaft
konfrontiert: der Angewohnheit des Satans, den Geist mit Paradoxien zu
verwirren und in mentale Teufelskreise zu verstricken. (So heißt das
griechische Wort Diabolos, von dem sich unser Wort Teufel ableitet,
ursprünglich »Durcheinanderbringer«.) Wer ist der Teufel? Paradoxe Antwort:
In erster Linie das Opfer der größten Verteufelung, die je in der Geschichte
stattgefunden hat. Der amerikanische Religionswissenschaftler Jeffrey Burton
Russell von der Universität Santa Barbara: Der Teufel ist das Beiprodukt
eines Paradigmenwechsels, der sich im frühen Christentum vollendete: der
Entstehung des »lieben Gottes«.
Kurzer Rückblick in die Zeit davor.
Egal, ob in Indien, Altägypten, oder im antiken Griechenland – wo immer der
Himmel nicht nur einen, sondern viele Götter beheimatet, sind diese sowohl
»gut« als auch »böse«. So ist der indische Großgott Shiva gleichzeitig
Schöpfer und Zerstörer; die Göttin Kali ebenso Symbol der Fruchtbarkeit wie
des Todes. Auch Jahwe, Ursprung des abendländischen Gottesbilds und
ursprünglich Stammesgott eines kleinen semitischen Hirtenstammes, verhält
sich zunächst alles andere als nur lieb, sondern auch rachsüchtig und
brutal. Gott und Teufel in einem Wesen. Er geleitet sein Volk sicher durch
das Rote Meer, aber schickt auch die Pest zur Strafe für Vergehen, quält den
Hiob, hat Adam und Eva unbarmherzig aus dem Paradies vertrieben. Doch dann –
in einer für den Vorderen Orient kritischen Zeit großer geistiger,
politischer und sozialer Spannungen – vollzieht sich die Wandlung: Gott wird
zur puren Lichtgestalt. Nur noch gütig und barmherzig. Jetzt sind Himmel und
Erde von seiner Liebe und Vergebung erfüllt.
Die tröstliche neue Idee wird zu einer
der erfolgreichsten in der Geschichte des menschlichen Bewusstseins. Doch
sie hat einen Haken: Wer ist nun verantwortlich für Mord und Totschlag,
Hunger, Kindersterben und Ungerechtigkeit? Der Sündenbock wird gesucht und
erfunden. Es ist der Teufel. Gottes Gegenspieler. Eine Figur, die – so die
Religionswissenschaftlerin Elaine Pagel von der Universität Princeton – eine
»beispiellose Karriere« machen wird. Vielfältige Gestalten, die in früheren
Zeiten mehr oder wenig unheilvoll durch orientalische Mythen gegeistert
sind, fließen nun ein in diesen werdenden Teufel. Zum Beispiel der
einzelgängerische altägyptische Wüstengott Seth, unter anderem
verantwortlich für schlechte Ernten. Der semitische Satan, ein Diener
Jahwes, der im Namen Gottes die Menschen prüft und straft. Auch Ahriman, der
altpersische Fürst der Finsternis, der im ständigen Widerstreit liegt mit
dem Herrn des Lichts, dient als Vorbild. Von ihm wird das Schlangen-Emblem
übernommen, die Gestalt, in der sich der herauskristallisierende Teufel den
Menschen im Paradiesgarten nähert.
Die widersprüchlichste und
anzie-hendste aller »Teufelsvorlagen« ist aber die biblische Gestalt des
Luzifer: Lieblingsengel des Jahwe, Stachel im Fleisch Gottes. Ein
schillerndes Wesen, das den Menschen dazu verführte, vom Baum der Erkenntnis
zu essen – und damit das Ego, das Selbstbewusstsein, den Geist des
Widerspruchs und ungebremsten Forscherdrang in die Welt brachte. Eigentlich
verkörpert Luzifer, sagt Jeffrey Burton Russell, ziemlich genau Werte der
modernen Leistungsgesellschaft: Selbstbehauptung, Machtwillen und Neugier,
die auch nicht vor gefährlichen Geheimnissen (z. B. Genforschung) Halt
machen.
All dies brachte den schönen Engel
dazu, sich gegen Gott aufzulehnen, sich gottähnlich zu fühlen (»Ich will
auffahren über die Wolken und gleich sein dem Allerhöchsten«). So wird er
schließlich aus dem Himmel gestürzt. Mit ihm fallen alle Engel, die sich ihm
angeschlossen haben, und werden zu Dämonen. Der Mythos des Luzifer und der
vom Himmel fallenden »bösen Engel« existiert übrigens nicht nur in der
Bibel, sondern – so der Buchautor Carl-Friedrich von Steegen (»Satan,
Porträt des Leibhaftigen«, 1998) – in fast allen Kulturen der Welt.
Möglicherweise repräsentiert er die kollektive Menschheitserinnerung an
urzeitliche kosmische Katastrophen durch Meteoriten-Einschläge.
Typisch Teufel: Kaum auf der Welt,
erzeugt er (noch mehr) Probleme. Denn mit ihm entsteht eine teuflisch
verzwickte Frage: Warum lässt Gott den Teufel gewähren? Der schottische
Philosoph David Hume (1711 – 1776) bringt das Dilemma auf den Punkt: »Will
Gott Böses verhindern und kann es nicht? Dann ist er nicht allmächtig. Kann
er es und will es nicht? Dann ist er nicht gütig. Er kann es, und er will
es? Wie ist dann das Böse möglich?« Ganze Generationen von Philosophen und
Theologen quälten sich mit dieser Frage. Bis schließlich eine halbwegs
annehmbare Lösung gefunden wurde: Gott habe dem Menschen den freien Willen
geschenkt. Es liege in der Verantwortung jedes Einzelnen, ob er Gott folgen
oder auf die Einflüsterungen des Satans hören will.
In immer unheimlicheren Gestalten malen
sich die frühen Christen und die Menschen im Mittelalter die Gestalt des
Widersachers aus. Liefern damit Futter für Ängste, die den Menschen
Albträume und Verzweiflung bescheren (zum Teil wohl bis heute in uns
rumoren: »Was, du schreibst über den Teufel?«, bekomme ich jetzt häufig halb
ernst halb scherzhaft zu hören, »pass bloß auf, dass Satan dich nicht am
Schreibtisch heimsucht.«). Geschürt wird die kollektive Furcht von »Dämonologen«,
Experten in Sachen Teufel. Eine Spezies von Kirchenmännern, die zusammen mit
ihren Kollegen, den Teufelsaustreibern, bis heute nicht ausgestorben ist.
Der derzeitige vatikanische Sachverständige, Prälat Corrado Balducci, zuvor
Chefexorzist der Diözese Rom, hat 1988 den Stand seiner Erkenntnisse
vorgelegt. Danach ist Satan zur Zeit in 1758640176 unterschiedlichen
Gestalten auf der Erde unterwegs.
Der erste Steckbrief des Satans wurde
schon in der apokalyptischen Vision des Evangelisten Johannes erstellt:
glühende Augen, fürchterliche Klauen und Zähne, Feuer speiender Rachen.
Später bekommt er als Folge seines Sturzes vom Himmel zusätzlich einen
Hinkefuß angedichtet. Auch die Erscheinung des altgriechischen Hirtengottes
Pan wird herangezogen. Denn mit seiner vitalen, ungezügelten Sexenergie ist
Pan für das leibfeindliche Christentum ein neuer Inbegriff des Bösen.
Zottelige Bocksbeine, gespaltene Hufe, Hörner, schwefliger Geruch,
Riesenphallus und »bebender Hintern« – so sieht der Teufel jetzt für einige
Jahrhunderte aus. Wieder eine Paradoxie, schnell am Rande erwähnt: Obwohl
(oder gerade weil) von kirchlicher Seite die Teufelsangst so heftig geschürt
wird, bekommt das Bild des Widersachers erste Kerben; schon das
dämonengläubige Mittelalter entwickelt eine Spur Humor. Allmählich entsteht
die neue, bisher unbekannte Vorstellung vom dummen Teufel, der sich durch
menschliche List austricksen lässt und unter dem Pantoffel seiner Großmutter
steht.
Doch eigentlich ist mit dem Satan nicht
zu spaßen. Wie eine böse Macht wirkt er auch heute noch in der gesamten
Welt, entzündet Hass, Fanatismus und Verblendung. Ist die vielleicht älteste
Entschuldigung der Welt für schlimme Taten bis hin zum Mord. Mit 66
Messerstichen und Hammerschlägen töteten im Juli 2001 die Teufelsanbeter
Manuela (23) und Daniel Ruda (26) ihren 33-jährigen Arbeitskollegen Frank H.
Der Satan selbst habe durch sie gehandelt, erklärten sie vor dem Landgericht
Bochum, lehnten jegliche Verantwortung für die Tat ab. Daniel Ruda: »Wir
sind keine Mörder. Auch bei einem Unfall wird nicht das Auto, sondern der
Fahrer angeklagt.«
Der Teufel als Alibi für das Böse. Und
seit Jahrhunderten auch Argument für Hetze, Verleumdung und Verfolgung. Denn
mit ihm haben die Menschen die besonders perfide Waffe der Verteufelung
entdeckt. In ihrer Sozialgeschichte des Bösen schreibt Elaine Pagel (»Satans
Ursprung«, 1996), schon die frühen Christen seien auf diese teuflische Idee
gekommen. Zuerst wurden die Juden, die Heiden, die Götter Roms dämonisiert.
Später Muslime, Homosexuelle, Rothaarige, selbstbewusste Frauen und ganz
einfach jeder, der seinen Nachbarn oder der Obrigkeit nicht passte. In einem
Rundumschlag verteufelt zum Beispiel Papst Leo XIII. im Jahr 1884
Freimaurer, Heilsarmisten, Baptisten und Buddhisten als »Vereinigungen unter
der Oberherrschaft des Satans«. Wie tief diese satanische Gewohnheit in uns
verwurzelt ist, zeigt besonders deutlich die Politik. Diese bedient sich
nämlich noch heute der Verteufelung: »Das Reich des Bösen« nannte Ronald
Reagan die Sowjetunion. »Das Reich der Finsternis« lautete der Titel eines
Themenabends im Fernsehsender »Arte« über das Taliban-Regime. Besonders
geeignetes Objekt der Verteufelung: der irakische Diktator Saddam Hussein.
Und umgekehrt erklärte Ayatollah Khomeini schlicht die gesamten USA zur
Domäne des »Sheitan« (arabisch: Satan). Der wahrhaft satanische Effekt von
Verteufelung: Sie mobilisiert Hass und Angst – und erstickt schon im Keim
unbequeme Fragen nach eigener Verantwortlichkeit.
»Gott ist tot«, verkündete Friedrich
Nietzsche (1844 – 1900) als Ergebnis der Aufklärung. Auch das Bild seines
Widersachers, der »umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er
verschlinge« (1. Petrusbrief), ist im Licht der wissenschaftlichen
Erkenntnis bis zur Unsichtbarkeit verblasst. Wo die pure Angst schwindet,
hat die Faszination eine
Chance: Im Zuge von Aufklärung und
Romantik entsteht ein neues, fast positiv besetztes Teufelsbild.
»Teufelsgeiger« wird der Musiker Niccolò Paganini (1782 – 1840) von seinen
Zeitgenossen genannt, weil er überirdisch gut Geige spielt und stets ganz in
Schwarz auf der Bühne steht. Der englische Dichter Lord Byron (1788 – 1824)
erfindet die Figur des dandyhaften, verführerischen Salon-Teufels. Und der
zweifellos Beste in dieser Riege faszinierender Teufel ist Goethes Mephisto:
geschmeidig, hochintelligent, sinnenfreudig. Auf mysteriöse Weise mit Gott
verbandelt, so wie der vorchristliche Teufel: »Ich bin ein Teil von jener
Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft«.
Im Dunstkreis des veränderten
Teufelsverständnisses entstehen im 19. Jahrhundert so genannte Satanskulte,
die größtenteils bis heute existieren. (Nicht zu verwechseln mit den
ebenfalls unter diesem Namen agierenden Jugend-Gangs, die – als Zeichen der
Rebellion gegen das Es-tablishment – auf Friedhöfen randalieren.) Ihr Dogma:
die »Ent-Teufelung« von Sinnenlust und sexueller Promiskuität, die Abkehr
von Moral und Gutmenschtum. »Tu, was du willst, das ist das einzige Gesetz«,
lautet die von Aleister Crowley (1875 – 1947), einem der wichtigsten Köpfe
des Satanismus, herausgegebene Lebensregel. Auch die 1966 in den USA
gegründete »Church of Satan«, mit geschätzten 20000 Mitgliedern der weltweit
wohl größte Teufelsverein, predigt Rücksichtslosigkeit und Egoismus. Ins
Leben gerufen wurde sie von Anton Szandor LaVey, der in Polanskis Film »Rosemary’s
Baby« die Rolle des Teufels spielte.
Der Teufel also nur noch eine Ikone für
Pseudo-Religionen? Hat er als Seelenfänger, Angstmacher und Dunkelmacht
ausgedient? Bei einer aktuellen Umfrage für P.M. sagten von tausend
Befragten immerhin noch 23 Prozent (darunter auffallend viele Beamte!): »Ich
glaube, es gibt einen Teufel«, 14 Prozent hielten es für möglich, dass man
mit ihm einen Pakt schließen könne, und neun Prozent gaben zu, Angst vor ihm
zu haben. Weitaus häufiger aber sehen Menschen im Teufel heute eine
Erfindung, um das Böse zu erklären (68 Prozent), und ein Machtinstrument,
mit dem die Kirche versucht, Druck auszuüben (49 Prozent).
Interessant aber ist vor allem eine
weitere, ebenfalls häufig gegebene Antwort. Fast die Hälfte der Befragten
gab auch an: Der Teufel ist in uns. Zugegeben: Brandneu ist dieser Gedanke
nicht. Schon der heilige Augustinus und Martin Luther hatten die Innenwelt
als eigentliches Schlachtfeld des Teufels identifiziert. Doch erst mit dem
Aufkommen der Psychologie hat sich der Gedanke durchgesetzt: Einen
leibhaftigen Teufel gibt es nicht, sondern nur negative seelische
Energien. Nachdem Sigmund Freud einen
Fall von Besessenheit aus dem 17. Jahrhundert eingehend studiert hatte, kam
er zu dem Schluss: Der Teufel ist die Summe abgewehrter Impulse und Triebe,
die im Unbewussten Unheil treiben. Carl Gustav Jung prägte dafür den Begriff
vom verdrängten »Schatten« der Seele. Er erweiterte ihn allerdings um eine
überpersönliche Komponente: Nicht nur eigene Eindrücke und Lebensumstände
speisen diese Dunkelkammern der Seele, sondern auch das kollektive
Unbewusste, die Summe aller menschlichen Erfahrung.
»Die Banalität des Bösen«: Unter diesem
Titel beschrieb die jüdische Schriftstellerin Hannah Ahrendt ihre Eindrücke
vom Prozess gegen den Nazi-Schergen Adolf Eichmann, den Teufel in Gestalt
eines Biedermanns. Mit ihrer Wortschöpfung vom »banalen Bösen« ist der
Teufel dann so richtig Mensch geworden – keine dunkle Macht mehr, die
draußen herumstromert, sondern in uns selbst zu Hause. Möglicherweise sogar
in unseren Genen. Seit Biologen, Zoologen, Anthropologen den Homo sapiens
allmählich von seinem Sonderposten als »Krone der Schöpfung« herunterholen,
wird auch schmerzhaft deutlich: Gemeinsam mit seinem nächsten Verwandten,
dem Schimpansen, gehört der Mensch zu den gewalttätigsten und
rücksichtslosesten Säugetieren der Erde.
Was erst im Licht wissenschaftlicher
Erkenntnis ins abendländische Bewusstsein gerückt ist, lehrt eine
Weltreligion, die ganz ohne Teufel (und Gott) auskommt, übrigens schon seit
Jahrtausenden. Für den Buddhismus sind drei negative psychische Grundkräfte
(»Wurzelgifte«) Ursache des Bösen in der Welt: Hass und Aggression, Gier und
Neid – und Unwissen (Verblendung). So gesehen ist also nicht der Teufel das
Problem, sondern der Mensch, wenn er nicht Verantwortung übernehmen will für
seine dunklen Seiten, nach dem Motto: Böse sind immer nur die anderen.
Schonungslose Innenschau, mutige Reise in den Schatten, wie es Carl Gustav
Jung nennt, Rücknahme der Projektionen (Verteufelungen) sind Wege, um des
Satans Herr zu werden. Denn nicht Weihwasser oder erhobene Kruzifixe scheut
er, sondern das klare Licht der Selbsterkenntnis.
So sind auch meine eigenen unheimlichen
Gefühle beim Schreiben immer weniger geworden. Gemäß der alten magischen
Regel: Dämonen, die man kennt, verlieren ihre Macht. Ade, Teufel? Als
Inspiration für Filme, Bücher, Fantasy-Spiele, Theaterstücke bleibt er uns
wohl auch in Zukunft erhalten. Und darüber hinaus bekommt der Totgesagte nun
sogar von unerwarteter Seite Überlebenshilfe. So gilt er manchen Denkern
inzwischen als wichtiger seelischer Rohstoff, als Archetyp, der auf keinen
Fall verloren gehen sollte. Andrew Delbanco, Professor für Literatur an der
Columbia University, bedauert es »als Tragödie für die menschliche
Fantasie«, dass der konkrete Begriff Satan für das Böse verschwindet. So
falsch wie die alte Angst vor dem Teufel sei ihr modernes Gegenteil: die »shit
happens«-Mentalität, das coole Schulterzucken angesichts bosnischer
Massengräber, australischer Brandstiftung und jugendlicher Amokläufer – und
so irrig wie die Verteufelung empfindet er die in ihrer Ausschließlichkeit
schon fast blinde Psychologisierung des Bösen. Hitler, Stalin, Pol Pot mögen
ja allesamt traumatisierte Psychopathen gewesen sein, meint der
Wissenschaftler, doch reicht diese Betrachtung aus, um das Ausmaß des
Grauens, das mit ihrer Hilfe stattfand, zu erklären? Von einer Renaissance
des gehörnten, schwefelstinkenden Höllenfürsten hält Delbanco nichts. Wohl
aber von der Einsicht, dass das Böse eben doch nicht nur banal ist, sondern
jegliches menschliche Maß übersteigen kann. Dafür sei der Begriff Teufel
auch weiterhin eine geeignete Metapher.
Womit der Satan also auch im 21.
Jahrhundert weiterhin sein Haupt erheben wird. Wahrscheinlich ist er sowieso
nicht wirklich totzukriegen. Und so soll dieser Bericht mit einer letzten
Paradoxie beendet werden. Formuliert hat sie schon der französische Dichter
Charles Baudelaire, Satanist und Verfasser der »Blumen des Bösen«: »Die
vollkommene List des Teufels ist, euch zu überreden, dass er gar nicht
existiert.«
Mit anderen Worten: Vielleicht ist die
Tatsache, dass wir den Teufel allmählich über Bord werfen, nicht unser,
sondern sein größter Sieg.
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