Universum
Einleitung
Den Zweig der Astronomie, der sich mit dem
räumlichen und zeitlichen Aufbau, der Entstehung und Entwicklung des
Weltalls beschäftigt, nennt man Kosmologie. Noch vor kurzem höchst
spekulativ, steht die Kosmologie heute auf immer fester werdendem
Fundament exakter Beobachtung und experimenteller Forschung, vor allem der
Hochenergiephysik und der Physik der Elementarteilchen.
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Edmond
Halley, englischer Astronom (1656-1742) |
©
Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh
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Das Universum umfasst die Gesamtheit des Kosmos. Nach
der antiken und mittelalterlichen Vorstellung war das Weltall endlich und
begrenzt. Die Fixsternsphäre sollte das Universum nach außen hin
abschließen. Im christlichen Mittelalter stellte man sich hinter der
Fixsternsphäre das Empyreum vor, das Reich Gottes. Zum Ende des
Mittelalters (N. Cusanus, G. Bruno) kam der Gedanke an ein unendliches
Weltall auf, das vor allem von E. Halley unterstützt wurde. Erst im Laufe
des 18. und 19. Jh. traten im Zusammenhang mit dem Olbersschen Paradoxon
Hinweise auf die Unmöglichkeit eines unendlichen Weltalls mit unendlich
vielen Sternen auf, die zunächst aber noch durch die Annahme einer
absorbierenden Materie im Weltall überwunden werden konnten. Die
nichteuklidischen Geometrien und die allgemeine Relativitätstheorie von A.
Einstein bildeten weitere Grundlagen.
Der russische Mathematiker Alexander Friedmann wies
bereits wenige Jahre nach Aufstellung der allgemeinen Relativitätstheorie
darauf hin, dass das Weltall notwendigerweise großräumige Expansions- oder
Kontraktionsbewegungen ausführen müsse, da es sonst instabil sei.
Tatsächlich wurde wenige Jahre später mit Hilfe des Doppler-Effekts bei
den fernen Galaxien die Expansion des Weltalls gefunden (Hubble-Effekt).
Bei gleich bleibender Expansionsgeschwindigkeit kann daraus auf ein Alter
des Weltalls von etwa 18 Milliarden Jahren geschlossen werden. Mit
ziemlicher Sicherheit war aber die Expansionsgeschwindigkeit des
Universums in den frühen Entwicklungsphasen größer, so dass das
tatsächliche Weltalter einige Milliarden Jahre geringer sein dürfte.
Neuere Berechnungen lassen auf ein Alter des Kosmos von ungefähr 12,5
Milliarden Jahre schließen.
Da die Hubble-Konstante, die Entfernungen der Galaxien
und andere Werte wie die kosmologische Konstante nicht genau bekannt sind,
ist das Weltalter vorläufig mit einer Unsicherheit bis zu 50% behaftet. Es
wurde für das Weltalter sogar schon ein Wert von über 30 Mrd. Jahre
diskutiert (Big Bounce). Altersbestimmungen an besonders alten Objekten
des Kosmos, z.B. den Galaxien und Kugelsternhaufen, zeigen aber, dass es
mindestens 12 Milliarden Jahre alt sein muss.
Vorausgesetzt, die gesamte heute im Universum
vorhandene Materiemenge sei damals bereits vorhanden gewesen, so müsste
die Materiedichte im Universum in diesen frühen Entwicklungsphasen
ungeheuer groß gewesen sein. Erst im Laufe der Zeit hätte sich die
Materiedichte im Universum verringert (evolutionäres Universum). Man
könnte aber auch annehmen, dass mit der Expansion des Universums gerade so
viel Materie im Kosmos neu erzeugt wird, dass die mittlere Materiedichte
immer dieselbe bleibt. Vor langer Zeit wäre also wesentlich weniger
Materie im Universum vorhanden gewesen (Theorie vom stationären Universum
oder steady-state-Theorie).
Eine Entscheidung zwischen diesen beiden Theorien
brachte u.a. die Entdeckung der kosmischen Hintergrundstrahlung. Es
scheint heute tatsächlich das evolutionäre Modell bevorzugt werden zu
müssen.
Urknall und danach
In den ersten Sekunden und Minuten entwickelte sich das
Universum sehr schnell. Man unterscheidet einige Entwicklungsphasen oder
Ären. Der Begriff Urknall oder Big Bang ist nach heutigen Gesichtspunkten
eigentlich etwas unglücklich gewählt und überholt. Abgesehen davon, dass
dem "Zeitpunkt Null" vielleicht eine andere Entwicklungsphase des
Universums vorgelagert sein könnte, begann vielleicht das Universum mit
der
- Planck-Ära (Quantengravitative Ära, Chaos-Ära)
aus einer Quantenfluktuation im Vakuum. Wahrscheinlich kann in der
Theorie auch eine Singularität mit einer unendlich hohen Dichte im
Anfangszustand vermieden werden. Das Universum war noch kleiner als die
Planck-Länge. Wegen der Heisenberǵschen Unschärferelation können in
dieser Zeit keine Raumstrukturen festgelegt werden. Alle späteren vier
Naturkräfte (Wechselwirkungen) waren vermutlich noch in einer einzigen
Kraft vereint. Zurzeit fehlt aber noch eine befriedigende physikalische
Theorie. Sie müsste die Gravitationstheorie (unter Einschluss der
Relativitätstheorie) und die Quantentheorie vereinen. Die Temperatur des
Universums betrug am Ende der Planck-Ära bei 10-43 s etwa 1032
K.
Darauf folgte die
- Quark-Ära bis 10-7 s. Es
bildeten sich Quarks, Leptonen und Photonen. Bis 10-35 s galt
auch die Große Vereinheitlichte Theorie: Von der für die Planck-Ära
vermuteten einzigen Wechselwirkung spaltete sich die Gravitation als
Einzelkraft ab. Bei 10-35 s sank die Temperatur unter 1027
K. Es war wahrscheinlich die Zeit der vermuteten Inflation des
Universums, einer vorübergehenden explosiven Ausdehnung des Weltalls auf
das 1050fache und mehr. Jetzt trennten sich auch die starke
und die elektroschwache Wechselwirkung von der vereinheitlichten Kraft.
Bei 10-12 s und einer Temperatur von 1015 K
spaltete sich die elektroschwache nochmals in die elektromagnetische und
schwache Wechselwirkung. Danach waren alle heutigen vier Naturkräfte
oder Wechselwirkungen getrennt. Am Ende der Quark-Ära waren Quarks und
Leptonen unterscheidbare Teilchen.
Dann folgte die
- Hadronen-Ära. Es bildeten sich
strukturierte Teilchen, also vor allem Protonen und Neutronen, sowie
deren Antiteilchen. Diese vernichteten sich ständig, wobei die
freigesetzte Energie zur sofortigen Neubildung herangezogen wurde. Zum
Ende der Hadronen-Ära bei 10-4 s sank die Temperatur auf etwa
1012 K. Es konnten keine neuen Teilchen mehr gebildet werden.
Eine vollständige Vernichtung der Teilchen und Antiteilchen und damit
der gesamten Materie im Weltall wäre erfolgt, wenn nicht die Teilchen
gegenüber den Antiteilchen einen winzigen Überschuss von 1 : 1 Milliarde
gehabt hätten. Dieser Überschuss fand zur Zerstrahlung keinen Partner
unter den Antiteilchen mehr und blieb übrig: Unsere heutige Materie. Die
wichtigsten zum Ende der Hadronen-Ära existierenden Teilchen waren
Neutronen, Protonen, Myonen, Elektronen, Positronen, Neutrinos und
Photonen.
Darauf folgte die
- Leptonen-Ära. Bei einer Temperatur von
unter 1012 K und 10-4 s zerfielen die Myonen.
Zwischen 0,1 und 1 s bei 10 Mrd. K entkoppelten die Neutrinos. Die
Elektronen und Positronen zerstrahlten. Übrig blieben nur so viele
Elektronen, dass die positiven Ladungen der Protonen ausgeglichen
wurden. Dieser Prozess war bei 1 s und einer Temperatur von 5 Mrd. K zu
Ende.
Bei 10 s ging die Leptonen-Ära in die
- Strahlungs-Ära (Plasma-Ära) über. Bei einem
Abfall der Temperatur von 1 Mrd. K auf 3000 K beherrschte die Strahlung
das Universum. Die ersten Kernfusionsprozesse setzten ein: Protonen
(Wasserstoffkerne) lagerten ein Neutron an. Es entstand Deuterium
(schwerer Wasserstoff). Durch weitere Aufnahme von einem Neutron bildete
sich Tritium (überschwerer Wasserstoff). Schließlich nahm ein
Tritium-Kern ein Proton auf: Helium entstand. Es dauerte nur rund 3
Minuten, bis rund 25% der Materie in Helium umgewandelt wurde. Auch
Helium-3-Kerne und Lithium entstanden. Fast alles heute im Universum
feststellbare Helium wurde in dieser Zeit gebildet. Schwerere Elemente
(mit Ausnahme von Lithium) entstanden erst später in den Kernen der
Sterne (Sternentstehung und -entwicklung) sowie bei Explosionen von
Supernovae. Das Ende der Strahlungs-Ära lag zwischen 100000 und 1 Mio.
Jahre. Die positiv geladenen Wasserstoffkerne banden jetzt je ein
negativ geladenes Elektron an sich: Neutrale Wasserstoffatome (und
Heliumatome) entstanden. Materie und Strahlung entkoppelten sich.
Während das Universum zuvor undurchsichtig war, konnte sich die
Strahlung jetzt frei bewegen. Das Universum wurde durchsichtig:
Freiwerden der kosmischen Hintergrundstrahlung.
Die folgende
- Materie-Ära oder Stern-Ära ist die Epoche,
in der wir heute noch leben. Aus Dichteschwankungen in der Materie oder
anderen Ursachen (z. B. kosmische Strings?) entstanden Galaxien bzw.
Galaxienhaufen.
Die Zukunft des Universums
Für die weitere Entwicklung des Universums ergeben sich
die folgenden Möglichkeiten:
- geschlossener, elliptischer Raum: Die
Expansion des Universums führt zu einer bestimmten Zeit zu einem
maximalen Weltradius. Darauf geht die Expansion in Kontraktion über und
führt unter Umständen zu einem Big Crunch.
- offener, hyperbolischer Raum: Die zunächst
sehr rasche Expansion wird zwar in ferner Zukunft etwas langsamer, hört
aber niemals auf. Der Weltradius geht gegen unendlich.
Dazwischen liegt als "Übergangsfall" der
- euklidische, parabolische Raum: Die
Expansionsgeschwindigkeit nimmt ab und strebt in unendlich ferner Zeit
dem Wert Null zu. Der Weltradius erreicht dann einen endlichen Wert.
Welcher Fall vorliegt, hängt von der mittleren
Materiedichte des Universums ab. Der dritte Fall wäre gegeben, wenn die
sog. kritische Dichte etwa 10-29 g/cm3 beträgt
(unter der Annahme einer Hubble-Konstanten von 75). Bei einem geringeren
Dichtewert wäre der zweite Fall, bei einer höheren Dichte der erste Fall
erfüllt. Der beobachtbare Wert liegt bei 10-30 g/cm3
. Das ist rund 1/10 der kritischen Dichte. Danach leben wir also in einem
offenen Universum. Doch dürfte es eine größere Menge unsichtbarer Massen
geben (Missing-mass-Problem). Dann liegt unser Universum sehr dicht am
dritten Fall oder ist vielleicht sogar mit ihm identisch. Vermutlich hat
die Inflation des Universums 10-35 s nach dem Urknall diese
"Glättung" in einen euklidischen Raum bewerkstelligt. Im Augenblick kann
noch keine endgültige Antwort auf diese Frage gegeben werden.
Erstaunlich ist aber der Befund, dass die mittlere
Dichte des Universums auf jeden Fall sehr nahe an der kritischen Dichte
liegt. Es könnte ja eine sehr viel stärkere Abweichung vorliegen. In
diesem Fall käme es aber nicht zur Entstehung von Sternen und eines
bewohnten Planeten. Wäre die Dichte nämlich deutlich größer, so würde die
Expansion des Weltalls so schnell in eine Kontraktion übergehen, dass die
Zeit zur Entstehung dieser Himmelskörper oder gar eines bewohnten Planeten
nicht ausreicht. Umgekehrt: Wäre die Dichte deutlich kleiner, so würde die
Expansion fast ungebremst vor sich gehen. Die ohnedies dünnen
Materiewolken würden sich so schnell zerstreuen, dass es ebenfalls nicht
zur Bildung von Sternen und Planeten kommen könnte.
Denkbar wäre, dass die genannten Quantenfluktuationen
im Vakuum bei der Bildung eines Universums ganz unterschiedliche
Ergebnisse liefern und dass es 1. unzählige Universen mit
unterschiedlichen Materiedichten und anderen physikalischen Daten gibt,
und 2. wir deswegen in diesem Universum leben, weil es physikalisch
günstige Ausgangsbedingungen zur Bildung von Galaxien, Sternen und
Planeten lieferte. Übrigens wäre es unmöglich, Informationen von anderen
Universen zu erhalten.
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